Das Schuljahr in Hirzel klingt mit dem Musical «Mamma mia» aus – und die Schul-Serie des «Sonntags» ebenfalls
VON KURT-EMIL MERKI
«Mamma Mia». Die Lichter gehen aus, das Stimmengewusel verstummt, die letzten Besucher suchen nach den letzten freien Plätzen. Der Gemeindesaal von Hirzel schwitzt. Und zwar tüchtig. Knapp 50 Oberstufenschüler – und ein paar wenige aus der Mittelstufe – sind parat für eine von insgesamt vier Vorstellungen des Abba-Musicals «Mamma mia».
Als Sänger, Tänzerinnen, Instrumentalisten. Weitere 30 Schülerinnen und Schüler waren beim Schneidern der Kostüme dabei oder haben sich an der Herstellung des Bühnenbildes beteiligt. Der Clou dieser aufwändigen Inszenierung: Die Musikgesellschaft Hirzel unterstützt den Sound der Schulband – und zwar auf vorzügliche Art. Dirigent Peter Galliker, der sämtliche Arrangements selber geschrieben hat, holt aus dem Klangkörper heraus, was herauszuholen ist.
Schulleiter Christian Hubatka, der in der Band die Gitarre spielt, hat mit den Sekundarschülern 17 Abba-Hits eingeübt. Dafür nutzte er während des «musischen Nachmittags» ein Schuljahr lang eine Stunde pro Woche. «Die Lieder», sagt Hubatka (56), der sich in den Siebzigerjahren keine Abba-Songs anhörte, «sind äusserst anspruchsvoll. Alles andere als einfach zu singen.» In der Tat: Die Solisten kommen während des beinahe 90-minütigen Musicals immer wieder an ihre Grenzen und darüber hinaus. Untadelig und stark sind die zahlreichen Chor- und Tanzeinlagen.
Das Musical, dessen Drehbuch die Schüler selber (aber entlang der bekannten Vorlage) geschrieben haben, zeigt, wie vieles andere, dass die Schule Hirzel eine Schule mit Ambitionen ist. Und im Laufe der Aufführung wird klar: Die Hits des Schweden-Quartetts eignen sich ganz vorzüglich für eine Auflistung von Themen, mit denen sich die Schule Hirzel jetzt und in Zukunft zu beschäftigen hat.
«I have a Dream». Der Schulalltag soll aus möglichst wenig Routine bestehen, die Schülerinnen und Schüler, der Lehrkörper und die Schulpflege sollen stolz auf ihre Schule sein. Und es soll sich herumsprechen, dass hier ein besonderes Klima herrscht. Ein fruchtbares, teamorientiertes, optimistisches. Christian Hubatka: «Mein Traum ist, dass unser Ruf in, sagen wir: drei Jahren so ist, dass sich Lehrerinnen und Lehrer bei einer Vakanz darum reissen, bei uns Schule geben zu dürfen.»
«I do, i do». In Hirzel gibt es eine ausgeprägte Bereitschaft, mitzutun. «Minimalismus ist beinahe ein Fremdwort hier», so der Schulleiter. Das gelte insbesondere auch für die Eltern. «Sie haben sich beispielsweise am ‹Mamma mia›-Projekt sehr engagiert beteiligt. Am Sporttag ist es jeweils ebenso. Die Eltern tragen die Schule ganz toll mit.» «Noch finden» müsse sich der Elternrat, sagt Hubatka und fühlt sich dabei einig mit dem Vorstand dieser Institution.
Da würden noch zu viele nicht realisierbare Ansprüche erhoben wie etwa die Abschaffung des Französischunterrichts. «Sich finden»: Das meint der Pädagoge durchaus positiv: «Das ist ein Anspruch, den wir alle an uns haben: dass wir uns finden. Immer und immer wieder.»
«Money, Money». Auch in Hirzel dreht sich vieles ums Geld. Der Schulleiter ist daran, mit Hannes Naef, der ab kommendem Schuljahr Präsident der Schulpflege sein wird, das Thema «Globalbudget» anzupacken. Ziel ist, künftig nicht mehr für jede Anschaffung einen Antrag stellen zu müssen, sondern mit einem Pauschalbetrag wirtschaften zu können.
«Natürlich innerhalb eines vorgegebenen Budgets», betont Hubatka. Das verhelfe zu mehr Autonomie und mache die Entscheidungswege kürzer. Hubatka macht sich immer wieder Gedanken auch darüber, weshalb die Attraktivität des Lehrerberufes in den letzten Jahren so auffällig abgenommen hat. «Ich glaube nicht, dass es allein am Geld liegt», sagt er. «Aber ich bin überzeugt, dass ein besseres Salär helfen würde, die dramatische Lehrerknappheit zu beseitigen.»
«S.O.S.». Bis spätestens 2012 muss von Kantons wegen die Schulsozialarbeit aufgegleist werden. «Schulsozialarbeit brauchts auf jeden Fall», sagt Christian Hubatka. Es gelte, Leerstellen zwischen Schule und Elternhaus auszufüllen. Der Schulleiter denkt an unspektakuläre, ganz alltägliche Fälle: «Es gibt die gewöhnliche Verwahrlosung. Einem Lehrer fällt zum Beispiel auf, dass einer seiner Schüler stets mit unpassender Kleidung auf die Wanderungen kommt. Oder es zeigt sich bei der täglichen Zwischenverpflegung die tägliche Lieblosigkeit der Erziehungsberechtigten.
Das sind Bereiche, die von den Lehrpersonen zwar erkannt, aber nicht bearbeitet werden können, weil schlicht die Ressourcen fehlen.» Hubatka schwebt ein 30- bis 40-Prozent-Pensum vor. Er wird in dieser Frage vom neuen Schulpräsidenten unterstützt. Vorstellbar ist, dass der Hirzler Jugendarbeiter Frowin Betschart seine Tätigkeit zugunsten der Schule aufstocken wird.
«waterloo». Christian Hubatkas grosser Albtraum ist, dass er Stellen nicht besetzen kann. Zurzeit ist ein 75-Prozent-Klassenlehrerpensum auf der Sekundarstufe offen. In den nächsten Jahren kommen aber einige langjährige Lehrkräfte ins Pensionsalter. Das macht ihm sichtbar Sorgen. Doch nein! «Waterloo» wird nicht überhandnehmen, «I Have A Dream» ist stärker in Hirzel.
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