SCHAUSPIELERIN SABINA SCHNEEBELI:
DER PUBLIKUMSLIEBLING
Selbstbewusst, aber doch schüchtern: Schauspielerin Sabina Schneebeli. Foto: Christoph Stulz
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Sabina Schneebeli jongliert bravourös mit Rollen, kennt sich aber auch im Fussball aus: Die Schauspielerin über den WM-Countdown, den neuen Schweizer «Tatort» und ihren Kampf gegen die eigene Schüchternheit.

VON SANDRO BROTZ

Sabina Schneebeli, die Schweizer Fussball-Nati war im Vorbereitungsspiel gegen Costa Rica noch nicht in WM-Form. Hat Sie das erschreckt?
Es war ernüchternd. Ich habe mich sehr auf das Spiel gefreut. Jetzt hacken alle auf der Mannschaft rum. Aber man muss ihr jetzt erst recht den Rücken stärken, damit sie dann auch mit einem guten Gefühl an die WM reisen kann. Ich glaube weiterhin daran, dass die Schweiz die Achtelfinals erreicht.

Ich halte dagegen und behaupte: Wir waren alle geblendet vom Nimbus des Heilsbringers Ottmar Hitzfeld und sind auf dem Boden der Tatsachen gelandet.
Ui, ich merke: Das wird ein Fachinterview... (lacht). Hitzfeld ist ein sehr erfolgreicher Trainer. Da geht man automatisch davon aus, dass es einfach klappen muss.

Haben Sie schon eine Ersatz-Mannschaft im Auge, der Sie die Daumen drücken können?
Meine Favoriten für den WM-Titel sind Argentinien und England.

Traurig darüber, dass David Beckham nicht dabei ist?
Das ist mir egal.

Ronaldinho oder Ballack fehlen ebenfalls. Sind Ihnen die Stars in einem Team wichtig oder steht bei Ihnen die Mannschaft im Vordergrund?
Mich interessiert das Team als Ganzes. Diese einzelnen Rädchen, die in ein ganzes Gefüge hineinpassen müssen. Bei Italien habe ich zum Beispiel eher das Gefühl, dass... (hält inne). Jetzt muss ich aufpassen, dass ich mich nicht verzettle. Ich finde es toll, wenn ich bei einem Team den Kampfgeist spüre.

Wie war das noch mit Italien?
Ihre Art zu spielen finde ich nicht so spannend. Die stehen hinten rein und vorne haben sie einen, der die Goals schiesst.

So muss es doch sein.
Es ist zwar eine effiziente Spielweise, aber zum Zuschauen nicht prickelnd.

Was für eine Art Fussballfan sind Sie eigentlich? Schönwetter, Fanatiker oder Normalo?
Was ist ein Schönwetter-Fan?

Ein Fan, der sich nur bei grossen Ereignissen auf der Tribüne zeigt oder vor den Bildschirm sitzt.
Ja, so einer bin ich. Ich mag Länderspiele. Mein Mann und meine beiden Söhne gucken zwar auch Bundesliga – das ist dann ein richtiges Geschrei – aber mich interessiert es nur bedingt.

Bei Länderspielen werden Sie dann zur Patriotin?
Das muss aber nicht nur bei der Schweiz sein. Je nachdem, welche Mannschaft mir gerade sympathisch ist.

Heute Abend sind Sie zu Gast bei Nik Hartmann in der SF-Sendung «Unsere Helden», bei der es einen Rückblick auf 30 Schweizer Fussballstars gibt. Wer ist ihr persönlicher Held?
Köbi Kuhn! Er ist einfach eine tolle Persönlichkeit. Das ist ein Mensch, der nicht mit grossen Worten viel Aufsehen erregen muss. Er hat die Aufmerksamkeit sowieso, alleine durch seine Ausstrahlung. Er ist sehr sympathisch.

Alle mögen Köbi Kuhn – weil er so bescheiden ist?
Das ist möglich, ja. Wobei ich nicht finde, dass man sich immer zurücknehmen sollte. Ich mag Leute, die laut und deutlich ihre Meinung bekunden und sich einen Dreck drum scheren, was andere darüber denken.

Dann erklären Sie mir laut und deutlich, warum die meisten Spielerfrauen blond, dünn und süchtig nach Shopping sind.
Ist das so? Ich kenne leider keine einzige Spielerfrau. Und auch keinen Fussballer. Sport und Kultur durchmischen sich nicht wirklich. Das ist schade, es gibt Parallelen. Sowohl Sportler als auch Schauspieler sind zum Teil öffentliche Personen. Wir bewegen uns im selben Schussfeld. Man wird schnell in den Himmel gelobt, aber bei einem Fehler auch genau so schnell wieder fallen gelassen.

Was löst Viktoria Beckham bei Ihnen aus?
Nicht viel. Schade, dass sie nie lacht! Sie wirkt nicht besonders natürlich.

Das Gegenbeispiel ist Chantal Magnin, die im «Sonntag» gesagt hat: «Ich habe eine Handtasche und kaufe erst eine neue, wenn diese kaputt ist. Ich bin ein Vollblut-Mami.» Sind Sie auch ein Vollblut-Mami?
Wenn es bedeutet, dass ich keine Interessen habe, ausser Mami zu sein, bin ich das nicht. Aber natürlich sind mir meine Kinder extrem wichtig. Ich wünsche mir, dass sie auf mich als Mutter stolz sind — und nicht auf meine Schauspielerei. Die Kinder hatten bei mir immer oberste Priorität. Aber deswegen habe ich meine Interessen und meinen Beruf nicht aus den Augen verloren. Unterdessen sind Tim und Luca auch grösser und selbstständiger geworden. Dadurch habe ich wieder mehr Freiraum.

Mussten Sie erst lernen, auf sich selber zu schauen?
Ja, das ist so. Diesen Schritt habe ich jetzt aber getan. Ich wollte miterleben, wie meine Kinder aufwachsen. Ein Au-pair, das alles macht, kam für mich nicht infrage. Ich habe auf Jobs und Engagements verzichtet, aber ich habe es nie bereut. Es gibt zwar Lücken in meiner Biografie – Jahre, in denen ich beruflich wenig gemacht habe – aber es ist für mich trotzdem aufgegangen.

Das tönt so, als hätten Sie alles immer im Griff. Aber jede Mutter kommt doch an ihre Grenzen.
Solche Momente hat es sicher gegeben. Wenn mich zum Beispiel der Job extrem in Anspruch genommen hat. Dann bin ich nach Hause gekommen und die Kinder mussten versorgt werden, aber gleichzeitig war mir klar: Oh Gott, ich muss noch so viel Text lernen!

Andere Mütter laufen in ein Burnout. Was haben Sie gemacht, damit Ihnen das nicht passiert?
Ich habe – so nenne ich es – mein Werkzeug gefunden, um Ruhe zu bewahren. Mindestens eine halbe Stunde am Tag gehört mir. Da bin ich einfach für mich. Seither bin ich nicht mehr so hektisch und so nervös wie früher.

Meditieren Sie?
Ja, sicher einmal täglich. Das kann auch während eines Drehs in einer Pause sein. Meditieren kann man überall.

Erreichen Sie beim Meditieren den Punkt, wo Sie sich effektiv keine Gedanken mehr machen?
Ich erreiche diesen Punkt nicht immer, aber ich komme immer näher dran. Es ist eine Sache der Übung.

Letzte Woche sind in Luzern die letzten Szenen für den ersten Schweizer «Tatort» nach 9 Jahren abgedreht worden. Sie spielen die Kriminaltechnikerin Yvonne Veitli. Kann die Produktion mit den deutschen Folgen mithalten?
Regisseur Markus Imboden und Kameramann Rainer Klausmann sind ein Dream-Team. Es war schön, wieder mit ihnen zusammenarbeiten zu dürfen. Es wurde sehr effizient, aber auch mit grossem Spass gedreht. Während eines Drehs denke ich nicht daran, wie erfolgreich der fertige Film wohl werden wird. Da konzentriere ich mich auf meine Figur und die jeweiligen Szenen.

Der «Tatort» ist seit 1970 die älteste und beliebteste Krimireihe im deutschen Sprachraum. Warum funktioniert dieses Genre immer noch?
Ich muss gestehen, dass ich den «Tatort» bisher nie regelmässig gesehen habe. Entweder hat mir die Zeit dazu gefehlt oder ich war gerade an einem guten Buch. Aber mit meiner Rolle habe ich auch wieder angefangen, den «Tatort» zu schauen. Ich höre von sehr vielen Leuten, dass sie spannende Krimis lieben. Und genau das bietet der «Tatort». Und Axel Milberg als Kommissar oder Jan Josef Liefers als Professor sind schon klasse.

Wäre die «Die Direktorin» heute auch noch ein Strassenfeger?
Im letzten Sommer wurde die Serie nochmals ausgestrahlt. Ich habe eine Folge davon gesehen: Alles ist so gemächlich, ellenlange Einstellungen, wenig Schnitt. Man merkt einfach die 18 Jahre, die dazwischen liegen. Oder nur schon die Mode – schrecklich! Nein, das würde heute nicht mehr funktionieren.

Dafür ist «Sex and the City 2» ein Renner.
Das interessiert mich überhaupt nicht, null und nicht. Das ist mir zu amerikanisch. Ich habe auch die Serie nie gesehen. Was ich kenne, ist «Desperate Housewifes». Diese Figuren sind zum Teil echt lustig.

«Tag und Nacht» mit Ihnen als Chefärztin Meret Frei wurde schon nach der ersten Staffel abgesetzt. Hat das wehgetan?
Ich habe es nie persönlich genommen. Aber es war natürlich schon eine Enttäuschung. Denn die Arbeit dahinter war enorm. Zuerst wurde die Serie gelobt. Kaum stimmten die Zuschauerzahlen nicht, wurde sie kritisiert. Ich behaupte nach wie vor, dass es am Sendeplatz lag.

In Ihrem Geschäft ist alles eine Quoten-Frage.
Das stimmt. Trotzdem ist es für Schauspieler traurig, wenn allein eben diese Quote zählt. Wir haben bei «Tag und Nacht» trotz grossem Zeit- und Spardruck eine unglaublich hohe Qualität hingebracht.

Was ist Ihr Antrieb beim Drehen, wenn nicht die Quote?
Mich interessieren die Geschichte, das Drehbuch und die Leute, mit denen ich arbeite. Ich bin immer nur so gut wie mein Gegenüber. Geschichten zu erzählen und Menschen damit berühren ist der Grund, warum ich diesen Beruf gewählt habe.

Hollywood hat Sie nie interessiert?
Nein. Die Filmindustrie im deutschen und europäischen Sprachraum ist mindestens so interessant wie in Amerika. Hollywood war für mich nie ein Thema.

Im August sind Sie im Casino-Theater Winterthur in «Ein Teil der Gans» zu sehen. Dabei soll die Bühne doch Ihr Trauma sein.
Das war so. Ich hatte lange ein Trauma, was die Bühne betrifft. Ich fühlte mich nicht wohl vor einem grossen Publikum. Unterdessen habe ich eine Entwicklung durchgemacht und viele Erfahrungen gesammelt. Ich bin gelassener geworden. Diesen Weg zurück auf die Bühne werde ich auch weiter einschlagen. Es ist eine neue Herausforderung und eine persönliche Bereicherung.

Sie sagen, dass Sie nicht gerne im Mittelpunkt stehen, aber genau das ist doch Ihr Job. Kokettieren Sie damit?
Überhaupt nicht! Viele Menschen haben das Gefühl, alle Schauspieler seien Narzissten. Dabei stimmt das gar nicht. Nein, ich kokettiere nicht. Ich stehe oft im Kampf gegen meine eigene Schüchternheit. Schauspielerei ist für mich eine Entdeckungsreise nach innen. Das ganze Drumherum ist für mich eine Überwindung.

Der Preis der Popularität?
Das ist überhaupt kein Problem. In der Schweiz sind die Menschen sehr diskret. Es sind die öffentlichen Auftritte, die mir nicht besonders liegen.

Was möchten Sie in Ihrer Karriere noch ausprobieren?
Ich habe schon so viel ausprobiert: Tanz, Tanztheater, Musicals, Film, Fernsehen. Aber es würde mich reizen, wieder einmal mit Michael Steiner zu arbeiten. Michi ist fast zu gut für die Schweizer Filmlandschaft. Er hat so etwas Mitreissendes, Inspirierendes und Verspieltes. Er versteht sein Handwerk.

Michael Steiner wurde von der «Weltwoche» massiv attackiert. Hat er Ihre Solidarität zu spüren bekommen?
Er hat meine Solidarität, immer, ganz klar.

Sie wissen auch, wie es ist, wenn man medial unter Druck kommt – mit Storys über Ihre Familie.
Das ist mühsam. Ich habe immer viel Wert darauf gelegt, Privates und Berufliches zu trennen. Es ist nicht lustig, wenn man mit privaten Dingen in der Zeitung steht.

Beschäftigt Sie die Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko?
Das ist ein absolutes Drama. Einfach unglaublich, dass noch jeden Tag Tonnen von Öl ins Meer gepumpt werden.

Spüren Sie eine Wut auf BP?
Der Skandal ist, dass an den Sicherheitsmassnahmen gespart wurde. Selbst die Regierung hat sich zu wenig darum gekümmert. Diesen Firmen muss besser auf die Finger geschaut werden. Es geht doch hier nur um Profit.

Ihre glühendsten Verehrer sind zweifellos Victor Giaccobo und Mike Müller, die das in ihrer Sendung auch gerne öffentlich machen. Wann kommt der nächste Auftritt zu dritt?
Ich war schon zwei Mal dort. Das reicht. Es bräuchte grosse Überredungskünste, dass ich wieder hingehen würde (lacht).

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Samstag, 05. Juni 2010 23:00
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