VIDEOKÜNSTLERIN PIPILOTTI RIST:
SPRUNG INS KINO
Pipilotti Rist: Sie gehört zu den Top Ten der Schweizer Kunst und ist auch international sehr gefragt: Pipilotti Rist (47), geboren als Elisabeth Charlotte Rist im St. Galler Rheintal, studierte in Wien und Basel, war Gründungsmitglied der Frauenband Les Reines Prochaines und feierte ihre ersten Erfolge in der Frauen-Kunstszene – bevor renommierte Kunstmuseen in aller Welt ihre Werke zeigten, wie jüngst das MoMA in New York, das im Herbst 2008 ihre Videoinstallation «Pour Your Body Out» präsentierte. 1997 übernahm sie für kurze Zeit die künstlerische Leitung der Landesausstellung Expo.01 (die spätere Expo.02). 2005 vertrat sie die Schweiz an der Biennale von Venedig. Nun reist sie wieder nach Venedig, diesmal als Regisseurin von «Pepperminta» an die Filmfestspiele. Ihr Erstling ist ab 10. September in den hiesigen Kinos zu sehen. Pipilotti Rist lebt mit ihrem Lebenspartner und dem siebenjährigen Sohn Himalaya in Zürich. Foto: Susi Bodmer
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Die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist (47) spricht über ihren Film «Pepperminta», Couchepins Amtszeit und gutes Schweizer Handwerk.

VON SABINE ALTORFER, FLORENCE VUICHARD

Frau Rist, Ihr Film «Pepperminta» kommt bald in die Kinos. Das Interesse ist gross – grösser, als wenn Sie eine Ausstellung machen. Befremdet Sie das?
Pipilotti Rist: Es erstaunt mich schon. Vielleicht ist es eine Schweizer Besonderheit, weil ich vor zehn Jahren durch meinen politischen Job bei der Expo.01 auch bei Leuten bekannt geworden bin, die sich nicht so stark für Kunst interessieren. Zudem habe ich in den letzten Jahren kaum Medienarbeit gemacht, sondern gesagt: Ich komme dann wieder aus dem Loch, wenn ich etwas zu bieten habe.


Sie haben sich also rar gemacht, um die Nachfrage zu steigern?
Es war keine Strategie. Ich bin gegen Präsenz um der Präsenz willen. Ich rede mit Ihnen, weil ich gerne eine Brücke bauen möchte zwischen dem Film und den Leuten. Sich nur als Person zu zeigen, das interessiert mich nicht – und dafür bin ich auch zu scheu.


Zu scheu?
Ich habe schon laute Seiten und bin unkompliziert, aber Rampenlicht gibt mir keine Befriedigung. Meine Auftritte sind Teil meines Jobs.


Eigentlich sind Sie prominent. Ihren Namen kennen sehr viele, aber man sieht Sie nie an Promi-Anlässen. In unserem Fotoarchiv gibts keine Promi-Bilder von Ihnen, ausser vom Madonna-Konzert.
Das habe ich aus technischem Interesse besucht. Ich wollte die Bühnenshow, das Licht sehen. Aber sonst: An Anlässe, an denen es mehr als zehn Leute hat, gehe ich prinzipiell nicht.


Aber man würde Sie doch gerne dazu einladen?
Das stimmt. Aber ich habe keine grosse Lust darauf. Aus wissenschaftlichem Interesse möchte ich zwar die Lust darauf gerne nachempfinden können.


Was war Ihre Motivation, einen Film fürs Kino zu machen?
Für mich wars eine logische Folge meiner bisherigen Arbeit. Auch eine harte Herausforderung. Ich wollte mich messen an den Filmern und wollte erzählerisch und technisch einen Schritt vorwärtskommen. Das Kino ist für mich eine Installation mit ganz bestimmten Bedingungen, so wie jeder Raum in einem Museum seine Eigenschaften hat. Im Kino schauen alle in die gleiche Richtung, man muss die Leute 80 Minuten bei der Stange halten. Ich hatte am Anfang eigentlich nur Bilder, Visionen und habe mit Chris Niemeyer zusammen dann eine Story entwickelt, die die einzelnen Szenen zusammenhält.

Ins Kino gehen andere Leute als ins Museum. War auch das ein Grund, einen Film zu machen?
Ja, das hat mich interessiert. Ich habe mich nie explizit für den geschützten Rahmen der bildenden Kunst entschieden. Ich habe jahrelang für Musikgruppen die Bühnenbilder, die Projektionen gemacht und habe meine Arbeit immer mehr als einen Service denn als Fetisch angeschaut. In den Kunsträumen konnte ich aber meine wilden Sachen machen, ohne dass mich jemand für verrückt erklärt hat. Aber man ist dort auch gefangen, ich möchte ja nicht nur für jemanden arbeiten, der schon von Anfang an die gleiche Meinung hat. Dass unser Film dann später vielleicht auch im Fernsehen kommt, finde ich interessant. Wenn der Film in viele Wohnzimmer gelangt, ist das für mich die grösste vorstellbare Installation.

Ihr Film hat etwas Belehrendes: Farbe ist stark, Farbe macht die Welt besser, froher . . . War es Ihre Absicht, das Publikum zu bekehren?
(Zögert) Der Film ist märchenhaft. Und im Märchen gibt es immer eine gewisse moralische, belehrende Seite und vereinfachte symbolische Bedeutungen.

Aber darf ich zurückfragen: Empfanden Sie den Film als belehrend?
Ja. Die Botschaft des Filmes ist belehrend, fast missionarisch.


(Unsicher) Er ist zum Teil recht klar und wiederholt auch gewisse Aussagen. Es ist eine Gratwanderung, ich wollte auf keinen Fall einen diffusen Film machen.


Sie zeigen in Ihrem Film eine Welt, in der alles nur schwarz-weiss ist. Die reale Welt ist doch interessanter, komplexer.
Zusammen mit der Szenenbildnerin Su Erdt haben wir ein Konzept daraus gemacht, die Welt der Pepperminta farbig zu machen und die Gegenwelt strenger. Natürlich haben wir vereinfacht. Aber wenn man die Häuser und Kleider anschaut, finde ich die Welt schon sehr normiert, normierter als nötig.


Erhoffen Sie sich Nachahmungstäter Ihrer farbenfrohen Hauptfiguren?
Es wäre optimal, wenn der Film einem Mut geben würde, etwas frecher zu werden.


Welches Publikum möchten Sie erreichen?
Am Filmfestival in Venedig zeigen sie «Pepperminta» am Samstag um sieben Uhr. Denn Festivaldirektor Marco Müller fand, es sei ein Film für die ganze Familie und nicht nur für die coolen Dreissigjährigen. Das fand ich gut, obwohl ich ihn nicht auf eine Zielgruppe hin konzipiert habe.

Lesen Sie das ganze Interview in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!

Foto: Susi Bodmer

Samstag, 29. August 2009 23:00
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