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140 Zeichen – und weg bist du: Was Twitter so gefährlich macht
Von Christof Moser
Samstag, 04. August 2012 23:10
Das Twittern birgt Gefahren für jeden, der sie nutzt. Die unmittelbarsten Risikofaktoren: Emotionen, Dummheit, Alkohol.
Beamen können, Raum und Zeit überwinden: ein alter Menschheitstraum. Erstmals erwähnt 1855 in einem Science-Fiction-Roman, fand Beamen in den 1960er-Jahren dank der TV-Serie «Raumschiff Enterprise» («Beam me up, Scotty!») Eingang in die Fantasie der Massen. Realität geworden ist bislang erst eine rudimentäre Form: Twittern. Ein falscher Satz – und weg bist du.

«Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht – diesmal gegen Moscheen», twitterte der Zürcher SVP-Lokalpolitiker Alexander Müller (@dailytalk) in der Nacht auf den 25. Juni. Am 27. Juni war Müller seinen Job, seine Parteimitgliedschaft, sein Schulpflege-Mandat und einige seiner bisherigen Freunde los. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Diese Woche erwischte es den Schweizer Olympia-Fussballer Michel Morganella (@morgastoss; Account inzwischen gelöscht): «Ich mache alle Südkoreaner nieder. Verpisst euch alle, Bande von Mongos», twitterte er am Montag um 0.03 Uhr nach der 1:2-Niederlage gegen Südkorea. Um 18.25 Uhr sass er im Flugzeug nach Hause. Erst gar nicht nach London reisen durfte die griechische Leichtathletin Voula Papachristou (@voulapapachrist) nach diesem Tweet: «Mit so vielen Afrikanern in Griechenland werden die Moskitos aus dem West-Nil hier sogar Essen von zu Hause haben».

140 schnell getippte Zeichen, Kurznachrichten an potenziell 160 Millionen Menschen weltweit, davon 140 000 in der Schweiz: das ist Twittern. Selbstentlarvende (Müller), unüberlegte und unsportliche (Morganella), rassistische (Papachristou) oder einfach äusserst dumme (alle drei) Messages verschicken: auch das ist Twittern. Geht es mit Twitter-Skandalen in dieser Kadenz weiter, steht nach twit|tern (2009) bald noch ein weiteres Verb im Duden: sich weg|twit|tern.

Ein Twitter-Skandal ist sekundenschnell losgetreten, es kann jederzeit jeden Twitterer treffen, aber nicht jeder Twitterer twittert mit dem gleichen Risiko. Twitter ist zunächst einmal eine kognitive Überforderung: direkte Kommunikation, losgelöst von Raum und Zeit, ohne gezielten Empfänger – das sprengt unsere Vorstellungskraft in vielerlei Hinsicht. Wer twittert, beamt sich an den globalen, virtuellen Stammtisch, selbst auf der WC-Schüssel ist die Weltöffentlichkeit nur einen Fingertipp entfernt. Was allein schon in dieser räumlichen Entgrenzung der Kommunikation kaum fassbar ist, wird auf der Zeitachse vollends jeder Kontrolle entzogen. Das Internet vergisst nie. Jeder Tweet ist auf ewig gespeichert und in jedem neuen Zusammenhang auch ein neues Risiko, von dem wir noch gar nichts ahnen können. Wie jede neue Technologie, die wir noch nicht beherrschen und erfassen, birgt das Twittern Gefahren für jeden, der sie nutzt. Die unmittelbarsten Risikofaktoren: Emotionen, Dummheit, Alkohol.

Besonders gnadenlos bestraft Twitter Dummheit. Dummheit am Stammtisch ist begrenzt – auf den Stammtisch. Dummheit, verpackt in einen Tweet, ist unbegrenzte Dummheit. Wer in seinen Tweets von einer Kristallnacht gegen Moscheen fabuliert, kann ebenso gut auf einem belebten Platz den Arm zum Hitlergruss ausstrecken und auch noch das Fernsehen einladen. Müllers Kristallnacht-Tweet ging an 400 Follower. 12 Stunden später hatten 40 000 Leute seinen Tweet gelesen. Dummheit gleich Shitstorm gleich Medienaufmerksamkeit: So lautet die Gleichung, vor der kein kopfloser Twitterer sicher ist.

Sich ins Abseits twittern bedingt zwingend öffentliche Aufmerksamkeit. Twittern ist immer öffentlich, aber die Öffentlichkeit nicht immer an jedem noch so dummen Tweet interessiert. Tweets von Sportlern wie Morganella und Papachristou sind auch deshalb ein Spiel mit dem (olympischen) Feuer, weil derzeit die ganze Welt nach London blickt. Bislang gilt zudem die Regel: Kein Twitter-Skandal ohne Beteiligung traditioneller Medien.

Ein dummer Tweet kann bei Twitter zwar einen Shitstorm auslösen, aber erst ein dummer Tweet, der von Zeitungen, Radio oder Fernsehen aufgegriffen wird, hat das Potenzial für ein persönliches Desaster. Öffentlich bekannte Personen (Sportler, Politiker, Künstler), aber auch unbekannte Personen in öffentlichen Ämtern (Müller) zählen deshalb zu den Risiko-Twitterern. Sie lenken mediale Aufmerksamkeit schnell auf sich und bieten die nötige Fallhöhe für einen Skandal. Sich ins Abseits zu twittern ist in diesen Risikogruppen schneller geschehen als bei twitternden Normalos – wenn sie nicht gerade auf 140 Zeichen den Holocaust leugnen.

Selbst mediengewandte Journalisten, insbesondere wenn sie bei einem öffentlich-rechtlichen Medium tätig sind, können sich in Schwierigkeiten twittern. So wie der Basler SRF-Redaktor Simon Thiriet (@simonthiriet), der Anfang Juli twitterte: «Es gibt eine neue Sterbehilfe in BL. Wenn die hilft, ein paar Baselbieter mehr von der Erde verschwinden zu lassen, why not?» Auf Druck der Vorgesetzten musste Thiriet den Tweet löschen und sich entschuldigen.

Emotionale Tweets, geschrieben aus Wut, Hass, Trauer, Verachtung, ja selbst aus Freude, sind riskant. Starke Gefühlsregungen verleiten uns zu impulsiven Äusserungen. Als soziale Wesen sind wir darauf konditioniert, unsere Emotionen wenn möglich zu teilen. Twitter ist als Instant-Meinungsmedium geradezu verheerend perfekt auf unsere emotionalen Unzulänglichkeiten ausgerichtet. Schneller geschrieben als gedacht, weil eher geschriebenes Reden als tatsächliches Schreiben, wird jeder emotionale Tweet zum potenziellen Sprengsatz. Dass sich bei Twitter alle duzen, verstärkt die Illusion von Twitter als trauter Freundeskreis.

Ohne Twitter hätte Fussballer Morganella seinen Frust über den verlorenen Match wohl im Kreis seiner Teamkollegen abgelassen. Vielleicht hätte er auch mit der Familie oder Freunden telefoniert. Mit Twitter, 2006 erfunden, schickte er seine unkontrollierten Gefühle an die ganze Welt. Auch «20 Minuten» hat mitgelesen. Später dann auch CNN.

Braucht es da noch Ausführungen zum Thema Alkohol? SMS ist schlimm genug, was emotional aufgebrachte Mitteilungen in benebelten Zuständen betrifft. Twitter jedoch treibt Peinlichkeiten in eine neue Dimension. «The first people’s broadcast medium», das erste Rundfunk-Medium für jedermann: so bezeichnet der US-Medientheoretiker Douglas Rushkoff Twitter. Wer nicht angetrunken in ein Radiostudio sitzen würde, sollte auch nicht alkoholisiert Tweets absetzen.

Sich wegtwittern: Das Reflexivpronomen in diesem Verb verrät den Schuldigen eines jeden Twitter-Skandals, einer jeden Entgleisung auf dem Kurznachrichtendienst. Es gilt die Maxime des Social-Media-Zeitalters: Niemand kann sich mehr schaden als man sich selbst. Das macht Twitter so gefährlich. Und so unwiderstehlich gut.

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