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Städte-Umfrage: Bis zu 10% mehr Sozialfälle
Von Beat Kraushaar
Samstag, 21. Januar 2012 23:10
Sozialämter sind alarmiert: Sie sehen sich als Sündenbock für eine verfehlte Abschiebepolitik. Einer der Gründe für steigende Fürsorgefälle und Kosten.

Griechenland pleite. Italien, Spanien, Portugal und Frankreich mit Zahlungsproblemen. Der Euro und Dollar im Keller. Der starke Frankenkurs, der die Exportwirtschaft unseres Landes bremst und für mehr Arbeitslose sorgt. Kein Zweifel: Die Wirtschafts- und Währungskrise geht auch an der Schweiz nicht spurlos vorbei. Dies zeigt eine Trend-Umfrage des «Sonntags» bei Sozialämtern in 13 Schweizer Städten und dem Kanton Basel-Landschaft.

Die Ergebnisse im Einzelnen: Die Frage, ob die Fälle bei der Sozialhilfe 2011 zugenommen haben, bejahen 10 Städte. Zwei Städte konnten noch keine Zahlen liefern, und in zwei anderen sind die Zahlen stabil. Die höchsten Zunahmen verzeichnen Wohlen AG und Grenchen SO mit plus 10 Prozent, gefolgt von Baden AG mit 9 Prozent, Luzern 8,5 Prozent, Olten SO 7 Prozent und Schaffhausen mit einer Zunahme von 5 Prozent.

Bemerkenswert: Die grossen Städte Basel, Bern und Zürich erwarten keinen markanten Anstieg der Sozialhilfe. Basel rechnet mit einer leichten Zunahme von rund 3 Prozent. In Bern wurden über das ganze Jahr 2011 zwar mehr Fälle bearbeitet. Auffällig dabei: die Zunahme von neu eröffneten Fällen. Insgesamt geht man aber nur von einer geringen Zunahme der Sozialhilfe aus.

In Zürich liegen noch keine detaillierten Angaben vor. Die sozialen Dienste der grössten Stadt der Schweiz prognostizieren aber ebenfalls einen stabilen Trend. Auch Zug und St. Gallen erwarten keine grössere Zunahme der Sozialhilfefälle.

Als Kanton hat Baselland an der Umfrage teilgenommen. Das zuständige Sozialamt geht von einem moderaten Anstieg aus. 4562 Personen waren Anfang 2012 von der Sozialhilfe abhängig. Mehr als ein Drittel davon (35 Prozent) sind alleinerziehende Eltern mit Kindern.

Aufatmen können die Sozialämter bei den ausgesteuerten Arbeitslosen. Die Frage, ob die Auswirkungen der vom Stimmvolk angenommene Leistungskürzungen schon spürbar sind, verneinen die Sozialämter. Der Grund: Eine ausgesteuerte Person muss zuerst ihr ganzes Vermögen aufbrauchen. Erst wenn ihr Vermögen auf 4000 Franken geschrumpft ist, darf sie Sozialhilfe beantragen.

Experten prognostizieren trotzdem, dass Tausende von Ausgesteuerten mit einer Zeitverzögerung in den nächsten Jahren Sozialhilfe beantragen müssen. Und weil die Invalidenversicherung immer rigoroser Antragsteller abweist, werden diese vermehrt durch Fürsorgeleistungen aufgefangen werden müssen.

Diese Abschiebepraxis wird von den Ämtern heftig kritisiert. So bemängelt das Sozialamt St. Gallen, dass die Hilfe, die als Unterstützung in Notlagen gedacht ist, immer mehr zum Auffangbecken wird für Menschen, die von der IV und Arbeitslosenversicherung abgeschobenen werden. Die Kantone spüren diese Verlagerung auch bei den Ergänzungsleistungen der AHV und IV.

Bereits kommt ein weiteres Problem auf die Sozialämter zu: Arbeitslose, die bereits ab Mitte 40 zu Frührentnern werden, weil sie keinen Job mehr finden. Dieses neue Phänomen beobachten alle angefragten Städte.

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